Lebensumwege-Selbsthilfe-bei-Depressionen
für an Depressionen erkrankte Menschen und ihre Angehörigen

… die nicht nur hinderlich sind und Probleme bereiten, sondern Sie sogar zu Fall bringen können!

Depressionen verändern nicht nur die Stimmung – sie beeinflussen auch unser Denken, Fühlen und Verhalten.
Dabei entstehen oft Muster, die sich unbemerkt verstärken und die Situation zusätzlich erschweren.

Typische „Fallen“ im Alltag entstehen besonders gerade dann, wenn Sie nach der Diagnose „Depressionen“ Ihr Leben neu ordnen, erste Schritte gehen und erste Erfolge erleben.
Gerade auf diesem Weg begegnen Ihnen oft schwer erkennbare „Stolpersteine“, die sich nicht selten hinter scheinbar positiven Dingen verbergen.
Im Folgenden möchte ich aus meiner Erfahrung heraus über ein paar wichtige Dinge berichten und Ihnen hilfreiche Anregungen zum Umgang damit geben:

  1. falsch bewertete Gefühkssituationen
  2. Rückzug und Isolation
  3. Grübeln und Gedankenkreisen
  4. zu hohen Erwartungen an sich selbst
  5. sich selbst negativ bewerten
  6. alles alleine schaffen wollen
  7. sich mit anderen vergleichen
  8. Zusätzlichen Belastungen, die oft übersehen werden sind:
  • Energiediebe
  • Falsche Propheten
  • Ignoranz
  • Toxische Menschen
  • Ignoranz im Umfeld
  • Eigene Fehlinterpretationen

Diese Muster erkennt man oft erst im Nachhinein – und erst dann, wenn man beginnt, sich bewusster mit sich selbst auseinanderzusetzen.

1. Eine der gefährlichsten Fallen sind falsch bewertete Gefühlssituationen.
Sie begegnen uns ständig in Form von Stimmungsschwankungen und erfordern, dass wir lernen, richtig damit umzugehen.
Unsere krankheitsbedingten „Hochs“ und „Tiefs“ sind anfangs fordernd, jedoch keine un-überwindliche Hürde – und kein Grund, das eigene Leben „wegwerfen“ zu wollen.
So ungewohnt es erscheinen mag: Betrachten Sie diese Schwankungen als „Gäste“, die Sie nicht eingeladen haben und nur begrenzt beeinflussen können.
Lernen Sie, sich in „Tiefs“ nicht völlig „hängen zu lassen“, sondern sie als Rekonvaleszenzzeit – also als eine Phase der Erholung – zu verstehen, in der Sie sich vorübergehend ausruhen.
Ihre Aktivitäten sollten Sie dabei nicht vollständig einstellen, sondern mit gutem Gewissen etwas reduzieren – und den Blick auf den nächsten Stimmungsaufschwung richten.
Denn auf ein „Tief“ folgt ebenso ein „Hoch“, wie es umgekehrt der Fall ist.

2. Rückzug und Isolation
Sind ebenfalls häufige Fallen und ein wiederkehrendes häufiges Muster.
Man sagt Verabredungen ab, geht weniger raus oder zieht sich komplett in die soziale Isolation zurück.
Oft macht man das nicht bewusst, sondern aus Erschöpfung, Überforderung oder dem Gefühl, anderen nicht mehr gerecht werden bzw. ihren Ansprüchen nicht mehr genügen zu können.
Kurzfristig kann sich das entlastend anfühlen, aber langfristig fehlen Kontakte zu anderen Menschen – und damit auch wichtige Impulse von außen – man gerät in eine soziale Isolation.

3. Grübeln und Gedankenkreisen
Viele Betroffene kennen das ständige Kreisen der Gedanken - typischerweise als "Gedankenkarussell. Immer wieder tauchen die gleichen Fragen, Zweifel, Ängste und Unsicherheiten auf.

Obwohl diese Gedanken oft logisch wirekn, führen sie nur selten zu einer Lösung. Ganz Im Gegenteil: Sie verstärken Unsicherheit und negative Gefühle.

Diese nebenstehende Video (15:21 Minuten) erklärt die Situation beispielhaft, sehr anschaulich und ausführlich.  

3. Zu hohe Erwartungen an sich selbst
Der Wunsch, „alles wieder in den Griff zu bekommen“, ist verständlich, doch zu große Erwartungen führen schnell zu Druck und Enttäuschung.
"Der mühevolle Weg der kleinen Schritte" gerät dabei leicht in den Hintergrund.

4. Sich selbst negativ bewerten
Gedanken wie „Ich schaffe das nicht“ oder „Andere können das besser“ sind dabei typisch.
Diese Bewertungen fühlen sich wie Tatsachen an – sind aber stark von der Depression geprägt. Dadurch entstehen negative Selbstfestlegungen, die uns noch tiefer in Stimmungstiefs hinein treiben.

5. Alles alleine schaffen wollen
Viele Betroffene versuchen lange, alleine mit der Situation zurechtzukommen, oft auch aus dem Gefühl heraus, niemanden belasten zu wollen.
Doch genau das kann dazu führen, dass sich die Situation weiter verfestigt.

6. Sich mit anderen vergleichen
Der Vergleich mit anderen verstärkt oft das Gefühl, nicht zu genügen.
Dabei wird leicht übersehen, dass jeder Mensch ein Individuum ist – mit eigenen Voraussetzungen, Erfahrungen und Hintergründen, die ihn letztlich unvergleichbar machen.
Der dem ehemaligen US-Präsidenten Theodore Roosevelt zugeschriebene Ausspruch „Der Vergleich ist der Tod des Glücks“ unterstreicht die Sinnlosigkeit solcher immer wieder „hinkenden“ Vergleiche.

7. Zusätzliche Belastungen, die oft übersehen werden
Neben den eigenen Gedanken und Gefühlen gibt es auch äußere Einflüsse, die eine Depression verstärken können – oft ohne dass man sie sofort erkennt.
Dazu gehören zum Beispiel:

  • Energiediebe – sind eine weitere, oft unterschätzte Falle. Sie schleichen sich nicht selten auch durch eigenes, unbewusstes Zutun in unser Leben ein.
    Da durch sinkendem Selbstwert häufig der Wunsch entsteht, durch Helfen Aner-kennung und Bestätigung zu gewinnen, geben wir Kraft und Energie an andere ab – nicht selten an Menschen, die dies bewusst ausnutzen.
    Machen Sie sich klar: Sie sind mehr als die Summe Ihrer Fähigkeiten und zu wertvoll, um sich durch ständige Erwartungen wie „Kannst du mal …“ vereinnahmen zu lassen.
    Setzen Sie Grenzen und schützen Sie sich vor Menschen, die Ihnen mehr Energie nehmen, als sie Ihnen geben.
    Hinweis: Einen verständlichen Zugang bietet das Buch: "Stachlige Persönlichkeiten" von "Jörg Berger", das typische Verhaltensmuster aufzeigt und hilfreiche Strategien zur Abgrenzung vermittelt .                                                                Überforderung durch Helfen (Betreuung)

    Eine besonders gefährliche Falle entsteht, wenn Sie in die Rolle des „Helfenden“ gedrängt werden – etwa durch die Übernahme einer ehrenamtlichen Betreuung für Angehörige oder nahestehende Personen.
    Gerade bei Depressionen kann dies eng mit einem Helfersyndrom verbunden sein: Der Wunsch, gebraucht zu werden, gibt kurzfristig Bestätigung – führt aber langfristig oft zu massiver Überforderung.
    Eine Betreuung bedeutet weit mehr, als zunächst erkennbar ist: hoher Zeitaufwand, dauerhafte Verantwortung, organisatorischer und bürokratischer Druck sowie eine stetige emotionale Belastung. Häufig stehen Sie dabei trotz vermeintlicher Unterstützung weitgehend allein da.
    Die Folge: Eigene Bedürfnisse treten immer weiter in den Hintergrund, Kraft und Energie schwinden – und die eigene Erkrankung kann sich deutlich verschlechtern.
    Klare Empfehlung:
    Übernehmen Sie keine ehrenamtliche Betreuung – insbesondere nicht in einer belastenden Lebensphase oder aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus.
    Richten Sie Ihr Helfen stattdessen bewusst auf sich selbst: Ihre Stabilität, Ihre Gesundheit und Ihre Genesung haben oberste Priorität.
    Wenn Unterstützung notwendig ist, setzen Sie sich für eine professionelle, amtliche Betreuung ein – nicht für Ihre eigene dauerhafte Überforderung.
    Mit Klick auf: Mein eigenes Beispiel einer fast 3jährigen Betreuertätigkeit können Sie ausfürlich nachlesen, wie gewaltig die Aufnahme einer Betreuertätigkeit ins eigene Leben einschlägt, wie sehr sie immer mehr Zeit beansprucht und Ihnen immer weniger Zeit und Raum für Ihre eigenen Belange lässt
  • Falsche Propheten - sind eine weitere Falle: Gut gemeinte Ratschläge wie „Reiß dich zusammen“ oder „Denk einfach positiv“ helfen nicht – sie erhöhen nur den Druck und verstärken das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
    Auch „Insider-Tipps“ von Mitbetroffenen sind mit Vorsicht zu betrachten. Viele stehen selbst noch am Anfang und übertragen ihre eigenen Erfahrungen vorschnell auf andere – obwohl jede Depression individuell verläuft und nicht einfach übertragbar ist.
    Nehmen Sie solche Aussagen daher nicht ungeprüft an. Gehen Sie Ihren Weg bewusst und mit Bedacht – und orientieren Sie sich an verlässlichen, fachlich kompetenten Begleitern.
    Seien Sie sich dabei immer bewusst: Sie selbst sind ein wichtiger Teil Ihrer eigenen Orientierung. Nutzen Sie Informationen aus Gesprächen, Literatur oder auch Selbsthilfegruppen – aber prüfen Sie, was wirklich zu Ihnen passt.
    (Mehr dazu: Umgang mit gut gemeinten, aber belastenden Ratschlägen)
  • Ignoranz - ist eine weitere belastende Falle: Manche Menschen blenden aus, was sie nicht verstehen oder was ihnen unangenehm ist. Von ihnen sind weder echtes Verständnis noch hilfreiche Unterstützung zu erwarten.
    Das kann – auch im eigenen Umfeld wie Familie, Freundeskreis oder Beruf Beziehungen spürbar belasten. Umso wichtiger ist es, dies früh zu erkennen.
    Vermeiden Sie es, mit solchen Menschen Gespräche über Ihre Erkrankung zu führen, da sie nur ins Leere laufen und zusätzliche Frustration erzeugen.                    Merksatz: 
    Sehen Sie sich – auch mit Ihrer Erkrankung – als den wertvollen Menschen, der Sie sind und  machen Sie sich nicht abhängig von der Haltung anderer. Gehen Sie Ihren eigenen Weg und suchen Sie Unterstützung dort, wo echtes Verständnis vorhanden ist – etwa bei Fachleuten oder in Selbsthilfegruppen, in denen Erfahrungen und hilfreiche Strategien geteilt werden.
  • Toxische Menschen - wirken dauerhaft negativ, übern nur Druck aus, zeigen wenig bis gar kein Verständnis und verschärfen die eigene Situation nur noch mehr.
    (Mehr dazu: Grenzen setzen und sich schützen)
  • Ignoranz im Umfel - begegnet BEtroffenen immer dann, wenn unser Erleben nicht ernst genommen wird. Dadurch entsteht und verstärkt sich das Gefühl damit allein zu sein und oft auch ein vermeintlicher Druck, sich erklären zu müssen.
    (Mehr dazu: Umgang mit fehlendem Verständnis)
  • Eigene Fehlinterpretationen - passieren dann, wenn wir in der Depression Situationen oft negativer bewertet, als sie tatsächlich sind.
    Missverständnisse oder falsche Schlussfolgerungen können dadurch verstärkt werden.
    (Mehr dazu: Gedanken überprüfen und neu einordnen)
  • Aber Achtung! Auch „Hochs“ können zur akuten Gefahr werden – insbesondere dann, wenn wichtige Lebensgrundsätze ignoriert werden, etwa durch eigenständiges Absetzen notwendiger Medikamente, das Abbrechen laufender Therapien oder das Nichtwahrnehmen ärztlicher Behandlung.

Halten Sie es aus, wenn ein „Tief“ Sie erwischt – und verstehen Sie es als notwendige Pause.
Ordnen Sie diese Phasen als natürliche Erholungszeiten ein und lassen Sie es gelassen zu, bis das nächste „Hoch“ folgt.
Unterstützen Sie sich dabei bewusst, z. B. durch kleine Spaziergänge oder kurze Auszeiten mit einem kleinen „Highlight“.
Bleiben Sie dabei „stur vernünftig“: Halten Sie Ihre Medikation ein, nehmen Sie vor allem Ihr Arzt- Termine wahr und holen Sie sich bei Bedarf Unterstützung durch vertraute Personen, um „Bodenkontakt“ zu behalten.
Gelingt es Ihnen, einen „Höhenflug“ rechtzeitig zu begrenzen, fällt auch das folgende Stimmungstief deutlich milder aus.

Wer seine „Höhenflüge“ bewusst begrenzt, glättet seine Stimmungskurve, reduziert tiefe Abstürze und leistet damit einen entscheidenden Beitrag zur eigenen Lebensqualität.
Aus (m)einer Langzeitbeobachtung zeigt sich: Stimmungsschwankungen entwickeln oft ein eigenes Muster.

Beobachten Sie Ihre Stimmungsverläufe über längere Zeit – ggf. mit einem einfachen „Stimmungstagebuch“ – dann erkennen Sie Ihr persönliches Muster. Dadurch wirken Ihre Schwankungen weniger unberechenbar und Sie fühlen sich ihnen nicht mehr so ausgeliefert.
In Abhängigkeit von bestimmten Auslösern (Triggern) werden Veränderungen zunehmend einschätzbar und treffen Sie nicht mehr unvorbereitet.

Mit dieser Erfahrung gewinnen Sie mehr Sicherheit, bessere Erträglichkeit und die Möglichkeit, gezielter gegenzusteuern – weil Sie sich nicht mehr im „Überraschungsmodus“, sondern in einer vertrauten Situation befinden.

Ein wichtiger Gedanke zum Schluss
Viele dieser Muster gehören zu einer Depression dazu, die nicht aus Schwäche entstehen, sondern Teil unserer Erkrankung sind.
Sie zu erkennen, ist kein Versagen – sondern ein erster, wichtiger und notwendiger Schritt.
Denn genau hier beginnt die Veränderung: im Wahrnehmen, Verstehen und vorsichtigen Verändern dieser Muster.

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